10. Mai 2017

Rezension: Den Mund voll ungesagter Dinge


Heute möchte ich euch einen Roman vorstellen, auf den ich mich schon so sehr gefreut habe. Den Mund voll ungesagter Dinge von Anne Freytag hat mich schon beim Lesen des Klappentextes sofort angesprochen und nachdem der Roman nach der Veröffentlichung unter Bloggern so polarisiert hat, war ich nur noch gespannter auf das, was Anne Freytag uns in ihrem neusten Werk erzählt. Wie mir der Roman gefallen hat, der bei Heyne fliegt erschienen ist, erfahrt ihr, wenn ihr in meiner Rezension.



WORUM GEHT ES?

Sophie ist 17 Jahre alt, kurz vor ihrem Abitur und wird genau jetzt von ihrem Vater dazu gezwungen, von Hamburg nach München, zu seiner neuen Freundin und ihren zwei Söhnen zu ziehen. Davon ist Sophie natürlich alles andere als begeistert. Sie will keine neue Familie, will nicht für ein paar Wochen die Neue an ihrer neuen Schule sein und auch sonst nichts an ihrem Leben ändern. Immerhin ist doch alles gut so, wie es ist! 
Irgendwie wünscht sie sich, dass ihr Leben um so vieles einfacher wäre. Dann müsste sie nämlich nicht ihr Leben in Hamburg hinter sich lassen, hätte noch eine Mutter, die sie nicht einfach so aus dem Staub gemacht hätte und ihr bester Freund Lukas wäre auch immer noch bei ihr und nicht bei seiner Freundin in Frankreich.
Doch Sophies Leben ist nun mal nicht so einfach und so muss sie in München komplett von vorne anfangen. Als sie dann aber das Nachbarsmädchen Alex kennenlernt, scheint ihr neues Zuhause gar nicht mehr so schlimm zu sein. Durch Alex lernt Sophie Einiges, aber vor allem, dass "normal" für jeden etwas Anderes ist und dass "Anders sein" nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss.


REZENSION

Bereits kurz nach dem Erscheinen von Anne Freytags Den Mund voll ungesagter Dinge wurde der Roman viel diskutiert und kritisiert. Ich habe das zwar etwas verfolgt, wollte mir aber mein ganz eigenes Bild davon machen und habe deshalb auch ganz unvoreingenommen mit dem Lesen begonnen.
Besonders schön finde ich bereits die Aufmachung des Romans. Allein das Cover polarisiert bereits durch die Farbenvielfalt - dem roten Hintergrund, sowie der regenbogenfarbenen Schrift. Die Bedeutung des Rot und des abgebildeten Mädchens erfährt man innerhalb des Romans. Klappt man die linke Hälfte des Umschlags auf, sieht man ein paar Zeichnungen, die sich im Roman auch über den einzelnen Kapitelüberschriften wiederfinden. Jede dieser Zeichnungen hat etwas mit dem Roman zu tun und je weiter man liest, desto mehr findet man sie dort wieder. Im rechten Umschlag findet man zwei Playlisten, die man aus den Romanen von Anne Freytag bereits gewohnt ist. Die Songs der beiden Listen spielen auch in der Geschichte eine Rolle und begleiten das Geschehen ein wenig.

Der Roman ist mit seinen 400 Seiten wirklich schnell gelesen. Die Kapitel sind teilweise kurz und knackig, was aber keineswegs schlimm ist, denn mich hat das eher noch zum Weiterlesen animiert - ganz nach dem Motto: "Ach, ein Kapitel schaffe ich noch!". Die Geschichte wird aus Sophies Sicht, in der Ich-Perspektive erzählt. Dadurch erhalten wir beim Lesen ein viel tieferen Einblick in Sophies Charakter, was mir besonders gut gefallen hat. Sophies nachdenkliche Art, ihre Neigung zu viel nachzudenken, konnte man damit perfekt einfangen.
Für viele wirkt Sophie bestimmt nicht gleich sympathisch, kommt sie manchmal doch sehr mürrisch oder furchtbar stur daher. Doch gerade Sophie hat mir besonders gut gefallen, denn ich konnte mich ganz oft in ihr wiederfinden. Manchmal war ich wirklich total erschrocken, weil Sophie und ich uns wirklich in vielerlei Hinsicht ähneln. Aber gerade das hat mir das Gefühl vermittelt, dass die Autorin mich und natürlich auch all die anderen, die sich in Sophie wiederfinden, versteht.
Demnach waren Sophies Handlungen für mich eigentlich gut nachvollziehbar. Wenn man nicht weiß, wo man selbst hingehört und wer man selbst ist, dann ist man nun mal unzufrieden und macht Dinge, die man nicht tun sollte. Und man hält den Mund, wenn man es vielleicht nicht tun sollte. Für mich hat Anne Freytag diese innere Zerrissenheit und vor allem Sophies Drang, über alles nachdenken zu müssen, wahnsinnig gut getroffen und gerade das macht diesen Charakter so wunderbar echt.

Doch mir haben auch die anderen Charaktere gut gefallen. Ich bin ohnehin ein großer Fan von Freundschaften zwischen Mann und Frau, die ganz ohne sexuelle Anziehung auskommen. Kein Wunder also, dass mir Sophies und Lukas Freundschaft gefallen hat. Aber nicht nur das Zusammenspiel der Beiden gefällt, sondern auch, dass diese Freundschaft zeigt, dass man nicht immer ständig zusammen sein muss, um befreundet zu sein. Auch wenn die eine in Hamburg oder München wohnt und der andere in Frankreich, heißt das nicht, dass man unerreichbar ist und den Kontakt verlieren muss.
Besonders berührt hat mich jedoch Lenas Geschichte. Anfangs hatte ich sie völlig anders eingeschätzt, vermutlich eher so, wie Sophie sie gesehen hat. Doch als Lena sich Sophie öffnet und ihr ihre Geschichte erzählt, hat sich mein Bild von ihr wahnsinnig geändert und ich habe in ihr eine sehr starke, lebensfrohe und vor allem liebenswürdige Frau gesehen. Dadurch, dass die Geschichte aus Sophies Sicht erzählt wurde, konnte man auch gut mitbekommen, wie sich auch ihr Verhältnis zu Lena ganz schleichend verändert hat.
Natürlich hat auch Alex ihren ganz besonderen Charme mit in die Geschichte gebracht. Sie wirkte wie das coole, toughe Mädchen von nebenan. Es schien so, als wüsste sie ganz genau, wer sie war und wohin sie gehörte, ganz anders als Sophie. Doch Alex zeigt uns, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Es ist einfach, nach außen hin so zu tun, als wäre alles perfekt, obwohl es das nicht ist.

Alles in allem beschreibt Anne Freytag in Den Mund voll ungesagter Dinge die Geschichte zweier Mädchen, die mich sehr berührt hat. Eine Geschichte aus dem echten Leben mit durchweg greifbaren Charakteren. Einer Protagonistin, die ihren Platz noch nicht gefunden hat und deshalb nicht weiß, wohin sie gehört oder ob sie überhaupt irgendwohin gehört. In erster Linie geht um die Liebe, jemanden zu lieben und zurück geliebt zu werden, weniger um die Frage nach der Sexualität. Es geht darum, sich selbst zu finden und dass man manchmal falsche Wege gehen muss, um den richtigen zu finden.
Ich habe mich in dem Roman sehr oft wiedergefunden, weshalb die Geschichte mich eindeutig in ihren Bann gezogen hat. Ich wünschte, es hätte diesen Roman schon eher gegeben, denn hätte ich ihn in Sophies Alter gelesen, als ich selbst eigentlich nur "normal" sein wollte, hätte mir Roman sicher gezeigt, dass man nicht zwanghaft andere zufrieden machen muss, wenn man selbst mit sich zufrieden ist.
Aber auch jetzt nehme ich Einiges aus dieser Geschichte mit - nicht zuletzt die Freudentränen nach Beenden der letzten Seite, weil ich selten eine so schöne, bewegende und vor allem echte Geschichte gelesen habe, die mich einfach nur glücklich gemacht hat.


FAZIT

Mit Den Mund voll ungesagter Dinge hat Anne Freytag einen All Age Roman geschrieben, der wahnsinnig vielseitig und schön erzählt ist. Die Autorin erzählt eine Geschichte aus dem wahren Leben, spricht eine wichtige Thematik an, die mit Höhen und Tiefen verbunden ist und einer Protagonistin, deren Innenleben vielleicht nicht für jeden, aber auf jeden Fall für mich zugänglich ist. Dennoch bin ich sicher, dass jeder sich irgendwo ein Stück weit in diesem Roman wiederfindet. Für mich ist dieser Roman definitiv einer meiner Highlights in diesem Jahr, weshalb ich nicht weniger als fünf von fünf Kreuzen vergeben kann.




BUCHDETAILS

Titel: Den Mund voll ungesagter Dinge
Autorin: Anne Freytag
Verlag: Heyne fliegt
Preis: 14,99€
Sonstiges: Klappenbroschur, 400 Seiten


Die Buchdetails sind der Webseite von Random House entnommen.

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